Eine knapp 20-köpfige Grünen-Delegation aus den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land kam zur Buchvorstellung nach München ins Maximilianeum. Fotos: Michael Falkinger

„Sepp Daxenberger – eine grüne Biografie“

Buch im Maximilianeum vorgestellt – Sepp-Daxenberger-Preis verliehen

„Er saß irgendwo im Publikum der Podiumsdiskussion“, schildert die in Trostberg lebende Schriftstellerin Ruth Rehmann ihren ersten Kontakt mit Sepp Daxenberger 1981 auf einer Veranstaltung zur Nachrüstungsdebatte. „Ich hätte ihn nicht bemerkt, wenn er sich nicht deutlich von den städtischen Bürgern unterschieden hätte, zwischen denen er eingezwängt saß – ein Bauernbursche in Lederhosen und Ledergeschirr, gebräunt von Wind und Wetter, mit einem dichten, dunklen, etwas zerzausten Haarschopf, der irgendwie fremd wirkte, als sei er in die falsche Veranstaltung geraten und traue sich nicht, aufzustehen und dorthin zu gehen, wo er eigentlich hinwollte, vielleicht zum Fußball oder zum ,Karteln‘ beim Wirt.“ 

Rehmanns Erinnerungen an den späteren grünen Waginger Bürgermeister, Landesvorsitzenden und Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag hat Franz Kohout in sein Buch „Sepp Daxenberger – eine grüne Biografie“ eingearbeitet. Zur Buchvorstellung mit dem Autor war auch eine knapp 20-köpfige Grünen-Delegation aus den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land nach München ins Maximilianeum gereist. 

Knapp fünf Jahre nach dem Tod Sepp Daxenbergers und seiner Frau Gertraud ist das Buch im Münchner Volk Verlag, ISBN 978-3-86222-143-1, erschienen. Autor und Politikwissenschaftler Kohout setzt dem charismatischen Grünen-Politiker damit ein Denkmal, zeichnet dessen Werdegang und die Entwicklung der Grünen in Bayern nach. Denn laut Kohouts Ansicht verkörperte Daxenberger wie kaum ein anderer die bayerischen Grünen. 

Nicht aus wissenschaftlicher Sicht, sondern aus seiner subjektiven Wahrnehmung der politischen und gesellschaftlichen Umstände in Bayern seit dem Ende der 70er-Jahre will Kohout die Biografie Daxenbergers verstanden wissen. „Dabei verhehle ich nicht meine besondere Wertschätzung für ihn“, schreibt der Autor. 

Mit der Beschreibung „Für den jungen Daxenberger spielen seine konkrete Familienkonstellation, seine ersten Gruppenerfahrungen an der Berufsschule, seine Kriegsdienstverweigerung, sein Zivildienst und wohl auch eine allgemeine Stimmungslage unter jungen Menschen, die man vielleicht mit dem Begriff der ,Protestgeneration‘ umschreiben könnte, eine besondere Rolle“ versucht Kohout, sich der Persönlichkeit Daxenbergers zu nähern. Geboren am 10. April 1962 als zweites Kind des Bauernehepaars Josef und Theresia Daxenberger, musste er bereits in frühen Jahren mit Verantwortung übernehmen. Da der Hof in Nirnharting zu klein war, um eine fünfköpfige Familie zu ernähren, betrieb Daxenbergers Vater noch eine Poststelle. Die Kinder Sepp, Resi und Martina halfen beim Austragen der Post mit. 

Die frühe Mitarbeit auf dem Hof prägte Daxenberger sicherlich, ist Kohout überzeugt. Der Autor beschreibt ihn als nachdenklicher, besonnener und kontrollierter als seine gleichaltrigen Spielgefährten, allmählich entwickelte sich auch sein Interesse an Politik. Seine Kriegsdienstverweigerung begründete Daxenberger mit moralischen und christlichen Motiven – schließlich war er gläubiger Katholik.  

Daher war Daxenberger – entgegen Rehmanns erstem Gedanken – durchaus richtig bei der Podiumsdiskussion zur Nachrüstungsdebatte. Denn: Wie sich die Schriftstellerin erinnert, stand der Bauernbursche auf und begann „in einer stark dialekt-gefärbten Sprache zu reden: Jesus habe die Waffen und Krieg abgelehnt… Als Petrus dem Kriegsknecht ein Ohr abschlug, habe er gesagt: Stecke das Schwert in die Scheide. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ Ein Jahr später, 1982, trat Daxenberger den Grünen bei. 

Dialekt zu sprechen hat sich Daxenberger auch später im Landtag nicht verbieten lassen – was die Protokollführer auf eine harte Probe stellte. Auch sein äußeres Erscheinungsbild war in der hohen Politik ungewohnt. Bei seinem ersten großen Auftritt im Landtag am 19. März 1991 erntete Daxenberger einen Zuruf von der CSU: „Der hat die Hemdsärmel hochgekrempelt.“ „Meinen Sie, dass die Ausführungen anders werden, wenn er die Ärmel runter tut?“, fragte daraufhin der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Hiersemann in einem Zwischenruf. 

„Er ist der authentische, ehrliche, kämpferische Politiker, der aus der Masse der Berufspolitiker heraustritt“, charakterisiert Kohout den Grünen-Politiker. „Sein Heimatbezug, besser gesagt sein Kampf gegen die Zerstörung seiner Heimat, wird nur glaubhaft durch seine enge Verwurzelung in der bäuerlichen Kulturlandschaft des Chiemgaus. Wer könnte dies authentischer vertreten als ein Bio-Bauer? Dafür muss er in seiner Heimat anerkannt, einer der ,Ihren‘ sein. Dies ist er in Sprache und Gestus.“ Kohout bezeichnet Daxenberger als „anerkannten Bauernredner“. „Er pflegt seinen Dialekt und wird dadurch noch mehr zu einem der ,Ihren‘, oder mittlerweile sogar einer der ,Seinigen‘. Er weiß, ,wo die Leute der Schuh drückt‘. Er hört sich alles an, er geht zu den Leuten hin. Er fragt sie nach ihren Nöten. Er benimmt sich absolut ,unpolitikerhaft‘. Er ist nie abgehoben. Er bleibt stets der Sepp. Und dies auf zwei Bühnen: bei ihm zu Hause und im Landtag.“

Bereits in jungen Jahren – vor seiner politischen Karriere − war Daxenberger in zwei Szenen engagiert: auf der einen Seite in Waging auf dem Bauernhof, im Fußballverein, in der Feuerwehr und bei den Goaßlschnalzern, auf der anderen Seite bei Schülerzeitungsredakteuren, Kriegsdienstverweigerern und ersten vereinzelten Grünen. Kohout: „Er kann mit seinen Bauern aus dem Chiemgau und auch mit einem großstädtischen Publikum, ebenso wie mit Studenten und Intellektuellen.“ Das zeichnete Daxenberger auch in seinen späteren Politikerjahren aus.

Eine erfolgreiche Bilanz zieht Kohout in seinem Buch nach den ersten sechs Jahren Daxenbergers als Waginger Bürgermeister 2002. Der Marktplatz war saniert, ein Kindergarten in Holzbauweise und mit alternativer Stromversorgung errichtet, ein Erlebnisspielplatz, ein Jugendtreff und ein Skateboardplatz waren gebaut. Ein Biomasse-Hackschnitzelheizwerk zur Nahwärmeversorgung wurde eingeweiht, ein kommunales Energiekonzept und ein Förderprogramm für erneuerbare Energien wurden aufgelegt, ein Gewässerpflegeplan wurde ausgearbeitet.

Bei den Kommunalwahlen 2002 bestätigten die Waginger Daxenberger mit 76 Prozent im Amt des Bürgermeisters. 2007 gab er bekannt, für eine dritte Amtszeit nicht mehr kandidieren, sondern sich ausschließlich der Landespolitik widmen zu wollen. Für die Landtagswahlen 2008 nominierte ihn seine Partei zum alleinigen Spitzenkandidaten. In der neuen Legislaturperiode blieb ihm jedoch nicht viel Zeit, sich als „echter“ Oppositionsführer zu etablieren, da sich 2009 seine Blutwerte verschlechterten. Am 8. Juni 2010 trat er als Vorsitzender der Grünen-Landtagsfraktion zurück.

„Die Politik ist für mich auch eine Art Therapie gegen den Krebs, denn der ist nicht geheilt, sondern nur gestoppt, und ich habe keine Zeit, mich ständig ins Krankenhaus zu legen und herumzujammern“, zitiert Kohout Daxenberger. Doch der Politiker war todkrank, Klinikaufenthalte waren unvermeidlich. Als er im Münchner Krankenhaus „Rechts der Isar“ lag, wurde seine Frau Gertraud, ebenfalls krebskrank, ins Traunsteiner Klinikum eingeliefert. Daraufhin ließ sich Daxenberger ebenfalls nach Traunstein verlegen. Dort sahen sie sich zum letzten Mal. Gertraud Daxenberger starb am 15. August 2010, Sepp Daxenberger am 18. August 2010 – am Tag der Beerdigung seiner Frau.

In „Sepp Daxenberger – eine grüne Biografie“ versucht Kohout die Frage zu beantworten, was der Politiker hinterlässt: „die Hoffnung auf eine gerechtere, solidarischere und lebenswertere Welt.“ Was bleibt für seine Partei, die bayerischen Grünen, was ist Daxenbergers politischer Nachlass? „Er personifiziert sie“, urteilt Kohout. „Er leiht ihnen sein Bild, und vor allem schärft er der Partei ein Bewusstsein für eine spezielle bayerische Identität.“ Die Bevölkerung akzeptiere die bayerischen Grünen mittlerweile. „Sie haben erfahrene Mandatsträger und machen in den Kommunen eine konstruktive Politik, die sich mittel- und langfristig in noch mehr Zustimmung ummünzen lässt“, schreibt Kohout. „Dies ist genau der Weg, den sich auch Sepp Daxenberger vorgestellt hat. Und er hat ihn auch so vorgelebt.“ Michael Falkinger

(22. Juli 2015)