Erfahrungsaustausch zum Thema Asyl: Die beiden Sprecher des Grünen-Kreisvorstands, Helga Mandl und Sepp Hohlweger (2. und 3. von rechts) konnten Andreas Herden, Anna-Sophia Körner und Margarete Winnichner (von links) als Referenten begrüßen. Foto: fam

„Herzensangelegenheit, Asylbewerber zu unterstützen“

Kreisversammlung von Bündnis 90/Die Grünen in Traunstein

Fachvorträge von Margarete Winnichner und Andreas Herden zum Thema Asyl sowie ein Bericht von Anna-Sophia Körner über ihr Engagement für Flüchtlinge bei „Freilassing hilft“ standen im Mittelpunkt einer Versammlung des Traunsteiner Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen im „Sailer Keller“ in Traunstein. Winnichner ist Grünen-Gemeinderätin in Übersee und Zweite Vorsitzende der Diakonie Traunstein, wo sie als Sozialpädagogin im Kinder- und Jugendbereich für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig ist.

Pfarrer Andreas Herden aus Trostberg sitzt für die Grünen im Kreistag , hat sich bis vor kurzem bei der Inneren Mission München viel mit Migration, Integration und Asyl beschäftigt und ist nun seit Anfang Oktober evangelischer Pfarrer in Burgkirchen. Anna-Sophia Körner ist Sprecherin der Grünen Jugend Traunstein und Mitinitiatorin von „Freilassing hilft“.

Für die Grünen sei es eine Herzensangelegenheit, Asylbewerber zu unterstützen, fasste Helga Mandl, Sprecherin des Grünen-Kreisverbands, die Ziele der Partei zusammen. Winnichner und Herden berichteten von positiven Entwicklungen, sprachen aber auch Probleme an, die es zu bewältigen gelte. Körner hob die gute Zusammenarbeit aller Beteiligter in Freilassing hervor und betonte, dass Initiativen wie „Freilassing hilft“ der Jugend Chancen böten, ihren Anteil beizutragen, dass die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen gelingt.

Herden bezeichnete das Thema Asyl als Zukunftsthema der Gesellschaft. „Es geht um Mobilität und Migration. Das ist nichts Neues.“ Denn: Mit der aktuellen Flüchtlingsbewegung würden Deutschland und gerade Bayern zum vierten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg Zufluchtsort für Flüchtlinge. Nach dem Krieg waren es die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, später kamen Siebenbürger und Russlanddeutsche hinzu, Anfang der 90er-Jahre waren es Menschen aus den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken. Winnichner sah dabei einen Unterschied zwischen Anfang der 90er-Jahre und jetzt: Die Willkommenskultur sei damals nicht so groß gewesen wie 2014/2015.

Positiv für die Sozialpädagogin sind das sehr große ehrenamtliche Engagement Helfer- und Arbeitskreise, ohne die die gute Betreuung nicht möglich sei, und das personelle Aufstocken im Traunsteiner Jugendamt, um sich besser um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kümmern zu können.

Winnichner sieht jedoch ein Problem darin, dass die Sozialpädagogenstellen noch nicht ausreichten. Beschulung und Integration an Grund-, Mittel- und Berufsschulen seien mehr als dürftig. Integration gelinge nur, wenn die Sprache der Schlüssel für Integration ist. „Das halte ich für einen Schwachpunkt in diesem System.“ Hier appellierte Winnichner an ihre Partei, auf Landesebene noch mehr zu unternehmen, da Kultus eben Angelegenheit des Freistaats ist. Mandl informierte dazu, dass dem Landtag bereits entsprechende Anträge der Grünen vorlägen.

Klare Vorstellungen, wie die Flüchtlingspolitik anzupacken sei, formulierte auch Herden. Den Asylbewerbern müssten Deutsch und Ausbildung vermitteln werden, um soziale Schwierigkeiten zu vermeiden. Vorausschauendes politisches Handeln sei erforderlich; dazu zählte der Kreisrat auch, bundesweit die Jugendhilfe auszubauen. EU-Mitgliedsstaaten müssten mit Verteilungsschlüsseln und Geld so unterstützt werden, dass sie die Dublin-Verordnungen, die die Zuständigkeit des jeweiligen EU-Mitgliedstaats hinsichtlich von Asylverfahren regeln, auch umsetzen können.

Als „große und tolle Zusammenarbeit aller Beteiligter beim Bemühen, die größte Not bei der Ankunft zu lindern“, bezeichnete Herden seine Erfahrungen aus München. Dabei nannte er Wohlfahrtsverbände, BRK, Johanniter, Malteser und Bundespolizei, aber auch die ehrenamtlichen Helferkreise, die sehr gut und sehr schnell organisiert seien.

In Gesprächen nehme er wahr, dass die Menschen betroffen über die Flüchtlingsbewegungen und das Leid sind. Oft bündelten sich aber Hilfsbereitschaft und Angst in ein und derselben Person. Herauskomme ein Gefühl der Überforderung, das diffuse Zukunftssorgen fördere und Nährboden für Ressentiments gegenüber Flüchtlingen sein könne – selbst bei Menschen, die derartige Züge ansonsten nicht in sich tragen. Um dies zu vermeiden, brauche es Information und Kommunikation. Das Richtigstellen von Falschaussagen und -meldungen, die zum Beispiel über Social Networks transportiert werden, seien unabdingbar.

Über die sozialen Netze gibt es aber auch eine Welle der Solidarität: Anna-Sophia Körner berichtete über mehr als 2000 Likes, die die Initiative „Freilassing hilft“ via Facebook erhalten habe. Mit dem Gedanken „Ich kann was machen“ war die Studentin erst auf dem Münchner Hauptbahnhof bei der Essensausgabe tätig und hat dann Handlungsbedarf auch in Freilassing gesehen. Mit einigen Gleichgesinnten machte sie sich auf den Weg und verteilte am Freilassinger Bahnhof erst einmal Wasser. Dann nahm die Initiative immer mehr Strukturen an, ein Organisations-Team wurde gebildet. Mit ihrem Engagement war die Initiative „Freilassing hilft“ plötzlich gefragter Interview-Partner nationaler und internationaler Medien.

„Wichtig ist, dass man Stadt, Landratsamt und Bundespolizei auf seiner Seite hat“, erzählte Körner über ihre Erfahrungen in Freilassing. Die Routine war schließlich da, und die Verantwortlichen von „Freilassing hilft“ fanden ihren Platz dann auch in den Lagebesprechungen mit allen Beteiligten.

Willi Geistanger, Grünen-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, appellierte an die Versammlungsteilnehmer, in ihren Kommunen auf die Bürgermeister zuzugehen und zu bitten, dass Unterkünfte gebaut werden. Es dürfe keine Kommune denken, dass es bereits genügend Unterkünfte gibt. Geistanger stellte aber auch die Wohnungsbau GmbH des Landkreises hervor, die hier sehr engagiert sei. Michael Falkinger

(2. November 2015)