Podiumsdiskussion zum Weltklimagipfel: Architekt Sylvester Dufter, Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl, Otto Zach von der Elektro-Innung und E-Mobilitäts-Fachmann Hans Stalleicher (von links) beschäftigten sich mit Klimawandel und Energiewende. Foto: fam

Weltklimagipfel Thema in der Region

Nächste Woche soll ein neuer Klimavertrag stehen.

Noch bis zum 11. Dezember verhandeln Staats- und Regierungschefs beim Weltklimagipfel in Paris. Bis Ende nächster Woche soll ein neuer Klimavertrag stehen – ein Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll mit verbindlichen Klimazielen für alle 194 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention. 

Die Konferenz beschäftigt die Menschen nicht nur auf internationaler, sondern auch auf regionaler Ebene. Unter dem Motto „Weltklimagipfel in Paris – was kann ich tun?“ haben die Traunsteiner Kreistagsfraktion und der Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen im „Bräustüberl“ in Traunstein eine Podiumsdiskussion mit Hans Stalleicher, Fachmann für Elektromobilität aus Trostberg, Otto Zach, Obermeister der Elektro-Innung aus Emertsham, und Sylvester Dufter, Architekt aus Siegsdorf, veranstaltet. Die Moderation übernahm Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl. 

„Die Folgen kommen immer näher zu uns“, zeigte sich Sengl von den Auswirkungen des Klimawandels überzeugt. Im Süden Deutschlands komme es vermehrt zu Hochwasser, im Norden der Bundesrepublik zu Dürre. Auch für Sepp Hohlweger, Sprecher des Kreisvorstands und stellvertretender Fraktionssprecher, steht fest: „Der Klimawandel steht nicht bevor, wir sind bereits mitten drin.“ Die Ankündigungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Vorfeld des Klimagipfels seien nicht vielversprechend. Mit 1,6 Milliarden Euro soll der Braunkohletagebau gefördert werden. Doch Braunkohle sei die schmutzigste Art, Strom zu erzeugen, sagte Hohlweger. 

Die Umstellung auf erneuerbare Energien sei zum Erliegen gekommen. Bayern wolle zwar die Energiewende zu erneuerbaren Energien vollziehen; die 10H-Regelung, nach der Windkraftanlagen einen Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden in Gebieten mit Bebauungsplänen einhalten müssen, beeinträchtige dies jedoch. Wenn Alternativen verhindert werden, gehe es wieder in Richtung Atomkraft, befürchtete Hohlweger. 

Dufter, Zach und Stalleicher gaben daher Tipps, wie der Bürger außerhalb der Politik handeln kann, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Für Dufter ist der einfachste Punkt, Energie zu sparen: unter anderem energiefressende Wärmepumpen austauschen, Altbauten wärmedämmen und Sonnenkollektoren verwenden, um für den Winter Energie zu speichern. Als Beispiel für effiziente Nutzung von Sonnenenergie nannte der Architekt das Sonnenhaus der Selbsthilfe Salzachkreis Baugenossenschaft Laufen eG, das zu 100 Prozent mit Sonnenenergie beheizt werde. 

Aus Dufters Sicht hat es Sinn, dass Kommunen verstärkt energetisches Sanieren fördern. Denn anders als ein Auto oder ein elektrisches Gerät erfülle ein saniertes Haus seinen Zweck über mehrere Generationen hinweg. Nur sei es schwierig, dies der Öffentlichkeit zu vermitteln. 

Auch Zach empfahl, selbst erzeugten Strom zu nutzen. Der Obermeister kritisierte die Politik wegen unausgeglichener Kostenverteilung: Stromintensive Unternehmen können eine Reduzierung der EEG-Umlage beantragen, Haushalte und kleine Betriebe müssen regulär zahlen. Denn: Die Politik verlangt großen Unternehmen Aktivitäten in Richtung Energiemanagement ab. Der Gesetzgeber knüpft die Rückerstattung von Strom- und Energiesteuern an den Nachweis von Energieeffizienzbemühungen. Zach forderte, das Energiemanagement konsequenter einzufordern. Zach kritisierte zudem, dass öffentliche Gelder in den Brandschutz gesteckt würden, ohne dabei die energetische Sanierung zu berücksichtigen. Das Thema Energiewende sei wieder „ziemlich eingschlafen“, befürchtete Zach daher. „Das ist schade um die ganze Sache“, bedauerte er und zitierte einen Satz aus der jüngsten Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Halle: „Es gibt keinen Planet B.“

„Erdöl ist ein wahnsinnig tolles Produkt, aber lasst es uns nicht verbrennen“, warb auch Stalleicher dafür, fossile Energien durch erneuerbare auszutauschen. Als sehr wichtigen Aspekt der E-Mobilität bezeichnete er, mit heimischer Energie mobil zu sein. „Die Power, die ich gerade spüre, ist aus der Region“, beschrieb Stalleicher das Bewusstsein, mit Energie zu fahren, die hier entstanden ist, wenn er mit einem E-Fahrzeug unterwegs ist. Ohne Erdöl, das schon Jahrmillionen brauche, bis es entsteht.

Der Mensch benötige Mobilität als Hilfsmittel, um sich mit der modernen Gesellschaft zu vernetzen und an ihr teilhaben zu können, sagte Stalleicher. Größte Aufgabe sei, das Bewusstsein für die eigene Mobilität zu stärken und E-Mobilität in sein Leben einzubauen. Er betonte aber auch, dass es wichtig sei, bessere und günstigere Speicher zu entwickeln.

Stalleicher zeigte sich überzeugt, dass der Landkreis Traunstein in puncto E-Mobilität aktiver werden kann. „Das muss einfach wieder Thema werden“, sagte er. „Das ist das A und O.“ Sengl regte dazu an, dass Städte und Gemeinden des Landkreises E-Fahrzeuge in ihren Fuhrpark aufnehmen könnten.

Beim Thema Energiewende wähnten viele Veranstaltungsbesucher einen Stillstand. Hohlweger sah damit auch das Ziel des Landkreises Traunstein, sich bis 2020 zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien aus dem Landkreis zu versorgen, wanken. „Die Widerstände sind enorm“, sagte Sengl. Behörden bremsten in Gemeinden engagierte Energiearbeitskreise. „Da fehlt der politische Wille.“

Inzwischen hat sich bei der Pariser Klimakonferenz schon Ernüchterung breit gemacht. Die Gespräche auf Expertenebene kommen nach Einschätzung von Diplomaten und Umweltschützern nur schleppend voran. „Wir müssen den Prozess beschleunigen“, hat der Konferenzleiter und französische Außenminister Laurent Fabius am Mittwoch gemahnt.

Am selben Tag wies Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) bei der Vorstellung des Klimareports Bayern im Landtag darauf hin, dass der Freistaat vor einem dramatischen Klimawandel stehe: Die Jahreszeiten verschöben sich, Extremereignisse häuften sich, die Luft erwärme sich dramatisch, die kalten Tage nähmen extrem ab. Scharf mahnte, dass es wegen der hohen Kohlendioxid-Emissionen keine Rückkehr zur Kohle als Energieträger geben dürfe. Michael Falkinger

(3. Dezember 2015)