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Klimaforscher Prof. Dr. Hartmut Graßl bei der Diskussion in Palling.

Klimaforscher Prof. Dr. Hartmut Graßl bei der Diskus-sion in Palling. Foto: Axel Effner

Klimaschutz erfordert mehr politisches Engagement

Klimaforscher Prof. Dr. Graßl diskutiert in Palling über Folgen der globalen Erwärmung

Die Diskussion um die Klimaveränderung hat derzeit Hochkonjunktur. Und Fakten dazu aus erster Hand und von unabhängiger Seite sind gefragt. Das zeigt auch die Zahl von gut 230 Besuchern, die zu einem Informationsabend mit dem renommierten Physiker, Meteorologen und Klimaforscher Professor Dr. Hartmut Graßl in den Gasthof „Michlwirt“ nach Palling gekommen waren. Die Kreistagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und die Grüne Jugend hatte den in der Ramsau aufgewachsenen Wissenschaftler eingeladen, um unter dem Motto „Das Klima kippt“ mehr über die Hintergründe des hochbrisanten Themas zu erfahren und zu diskutieren.

Martin Czepan, Stadtrat in Traunreut und Kreistagsmitglied der Grünen, stellte zur Einführung das ehrgeizige Energiekonzept des Landkreises vor. Es sieht vor, dass zur Umsetzung der Klimaziele bis 2020 der gesamte Energiebedarf im Kreis – mit Ausnahme der stromintensiven Großindustrie – zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen gespeist werden soll.

Bis 2025 soll auch die Industrie in die Zielvorgaben mit eingebunden sein. Zwischen 2005 und 2012 sei der aus regenerativen Quellen im Landkreis erzeugte Strom von 218 auf 500 Gigawattstunden (GWh) gestiegen, sagte Czepan. Im Jahr 2017 lag der Anteil bereits bei 90 Prozent. Das Potenzial liege laut einer Studie bei 1.400 GWh, wobei die Solarkraft, Geothermie und Windkraft am entwicklungsfähigsten seien. Unter den Initiativen, die sich im Landkreis aktuell für die Kohlendioxid- und Energieeinsparung stark machen, hob Czepan die 2016 gegründete Energieagentur Südostbayern in Traunstein heraus.

Bereits seit über 40 Jahren beschäftigt sich Professor Dr. Hartmut Graßl mit dem Klimawandel. Er war von 1994 bis 1999 Direktor des Weltklimaforschungsprogramms und als Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie Wegbereiter einer international koordinierten Klimapolitik. Als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat unterstützte er die Bundesregierung. Pointiert zeigte Graßl in Palling auf, wie die aktuell diskutierte Klimaerwärmung im großen Zusammenhang planetarer Kreisläufe und atmosphärischer Besonderheiten auf der Erde zu werten ist.

So kommt es aufgrund periodischer Schwankungen in der Erdumlaufbahn um die Sonne annähernd alle 100.000 Jahre auf der Erdoberfläche zu einem Anstieg der Temperatur um fünf Grad. Dadurch erhöht sich auch der Meeresspiegel um etwa 120 Meter. Aktuell befinden wir uns in einer gemäßigten Zwischeneiszeit. Aufgrund der Verbrennung von Kohle, Erdgas und Erdöl hat sich die Temperatur allerdings seit 1900 um ein Grad erhöht. Um die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu halten, wurde am 4. November 2016 das Klimaschutzabkommen in Paris getroffen. Es soll den Weg bereiten für ein „Zeitalter erneuerbarer Energieträger“.

Graßl zeigte auf, welchen Einfluss Landwirtschaft, Energiewirtschaft, politische Krisen, Veränderungen in der Atmosphäre und der Einfluss der gewinnorientierten „Carbon-Lobby“ sowie das Aufstreben einstiger „Entwicklungsländer“ auf den Ausstoß von Kohlendioxid haben. Umgekehrt machte er auch die große Bedeutung der Pflanzen und großen Waldflächen aufmerksam, die das Gas wieder binden.

Nehmen Wetterphänomene durch die Klimaerwärmung zu? Graßl bejahte dies für die Zunahme von Dürren, Extremniederschlägen und Hochwasser sowie Sturmfluten, differenzierte allerdings bei Stürmen. Der Klimaforscher bekräftigte: „Die Wirkung politischer Entscheidungen wird den Meeresspiegel sehr stark beeinflussen und zwar nicht nur für dieses Jahrhundert, sondern über viele Jahrtausende.“ Bis zu 50 Meter Anstieg seien bei einem Abschmelzen der „in Ungleichgewicht geratenen“ Eismassen möglich.

In der Diskussion sprach Biobauer Franz Obermeier aus Tengling die Rolle unterschiedlicher Landwirtschaft für die Welternährung und Klimaschutz an. Graßl verwies darauf, dass der Bürger stärker als bisher politisch „Themen setzen“ müsse als Gegengewicht zu Lobbyinteressen. Die Rolle energetischer Gebäudesanierungen für die Energiewende und die Förderpraxis thematisierte Willi Geistanger aus Siegsdorf an. Graßl ergänzte dazu Beispiele aus seinem Wohnort Hamburg, wo Villenbesitzer große Wohnflächen allein besitzen, aber die energetische Sanierung nicht mehr stemmen könnten. Axel Effner

(24. Juli 2019)

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