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Mobilität im Fokus: Sepp Hohlweger (stellvertretender Fraktionssprecher), MdL Dr. Markus Büchler, MdL Gisela Sengl und Fraktionssprecher Willi Geistanger. Foto: Hannes Höfer

Mobilität im Fokus: Sepp Hohlweger (stellvertretender Fraktionssprecher), MdL Dr. Markus Büchler, MdL Gisela Sengl und Fraktionssprecher Willi Geistanger. Foto: Hannes Höfer

Von A nach B: Einfach, ökologisch, günstig

Grüne Kreistagsfraktion diskutiert Mobilität der Zukunft – Verkehrs- und Tarifverbünde

Die Welt ist kompliziert. Dabei wünscht sich der Mensch Einfachheit und Überschaubarkeit. Und alles soll möglichst günstig sein. Vollends zufrieden sind die Grünen, wenn das Nötige ökologisch und klimafreundlich passiert. Nicht weniger als all das soll ein Verkehrsverbund Südost-Oberbayern bringen. Auf ihrer Herbstklausur beschäftigten sich die Mandatsträger der Traunsteiner Kreistagsfraktion ausführlich mit diesem Zukunftsthema. Zu Gast im Sailer Keller war Dr. Markus Büchler, Verkehrsexperte der Grünen im Bayerischen Landtag. Sein Vorschlag: Verkehrsverbünde bis hin zu einem allumfassenden Mobilitätsverbund.

Was ist ein Verkehrsverbund? „Ein rechtlicher und organisatorischer Zusammenschluss von Gebietskörperschaften und/oder Unternehmen zur gemeinsamen und abgestimmten Durchführung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV).“ Die Ziele definierte Büchler so: Ein einheitliches Fahrpreissystem und Fahrkartensortiment, aufeinander abgestimmte Fahrpläne, klare Fahrplaninformation und eine Anschlusssicherung zwischen den Angeboten aller Verkehrsunternehmen. Kurz: Alle Verkehrsmittel aller Betreiber im Verbund sind zum gleichen Tarif, also mit einer Fahrkarte zu nutzen. Vielerlei Tarifarten von Zeit-, bis Sozial- und Sondertarifen sind denkbar, der Kreativität vor Ort will Büchler keine Grenzen setzen.

Beispielhaft steht in Bayern der 1971 gegründete Münchner Verkehrsverbund (MVV), bei dem die Stadt und sieben Landkreise zusammenarbeiten. Mit knapp 800 Millionen Fahrgästen und Fahrgeldeinnahmen von fast einer Milliarde fänden dort 66 Prozent des ÖPNVs in Bayern statt. Helfen würde aus Büchlers Sicht schon ein guter Nahverkehrsplan. In den meisten Bundesländern seien Städte und Kreise zu einer Erstellung verpflichtet, nicht jedoch in Bayern. Damit habe etwa der Landkreis München sein Busangebot 2013 um über 30 Prozent ausgeweitet.

„In Sachen ÖPNV haben wir Grüne bisher wenig z’riss’n“, gestand Fraktionsvorsitzender Willi Geistanger. Tatsächlich ist die deutsche Verbünde-Landkarte im Südosten – also in der Region Traunstein und Berchtesgadener Land – weiß. „Viele Länder sind weiter“, blickte Büchler unter anderem auf das Nachbarland Österreich und dort konkret auf Wien und Vorarlberg, die Lichtjahre voraus seien. Büchler möchte „die Staatsregierung vor uns hertreiben“. Denn die habe „rasch mal 50 Millionen Euro für den MVV rausgeblasen“. Andere dagegen bekämen nichts. „Dabei haben wir hier am Land durchaus Verkehrsprobleme“, warf Sepp Hohlweger ein. Einig waren sich die Anwesenden, dass man dieses Thema zur Kommunalwahl 2020 „spielen“ werde.

Der ÖPNV auf dem Land macht eine schlechte Figur. Foto: Hüller

Auch Dr. Michael Hüller blickte auf die Lage am Land. Mitgebracht hatte er Bilder von einer Bushaltestelle vor seiner Haustüre. „Kein Wartehäuschen, Schulkinder und Erwachsene stehen ungeschützt am Straßenrand.“ Die Fahrpläne dort sind restlos vergilbt. Eigentlich wollte der Kirchanschöringer Gemeinderat mit dem Bus zur Klausur kommen. „Das ist unmöglich“, musste er feststellen. Auch Hüller blickte nach Vorarlberg, auf den dortigen Halb-Stunden-Takt der Busse von 5 bis 23 Uhr, dazu ein 365-Euro-Jahres-Ticket. „Wir müssen Visionen an den Himmel malen“, forderte Hüller seine Kollegen auf, für eine massive Verkehrsreduktion zu kämpfen, denn es gehe um nicht weniger als um das Überleben der Menschheit.

„Visionen allein reichen nicht“, erwiderte Geistanger und rief zu pragmatischen Schritten auf. Martin Czepan möchte weiter blicken: „Salzburg, Rosenheim, Altötting, wir Grüne müssen das synchron vorantreiben.“ Markus Büchler weiß, dass es Wien gelungen sei, den Anteil des Autoverkehrs von 40 auf 24 Prozent zu reduzieren. Eine ganze Reihe von Wortmeldungen betraf die Tarife. Viel zu teuer, so der Tenor, Schüler zahlten bis zu 1.000 Euro im Jahr für Ihre Fahrkarten, auch Einzelfahrten etwa von Kirchanschöring nach Traunstein kosteten einfach zu viel.

„Alte Leute auf dem Land werden abgehängt“, beklagte Landtagsabgeordnete Gisela Sengl, viele Busse verkehrten in der Ferienzeit gar nicht. Hermann Hager, Gemeinderat in Schwindegg, verwies mehr als einmal auf „dieses Kastl“, auf sein Smartphone, mit dem man alles machen könne – für ihn ein wesentlicher Baustein künftiger Mobilität. Bianca Hegmann, Sprecherin der Mühldorfer Kreis-Grünen, berichtete von Beispielen, wo ein Jahresticket bereits im Arbeitstarif inkludiert sei. Die beiden Mühldorfer Vertreter waren übrigens die einzigen aus den Nachbarlandkreisen, die der Traunsteiner Einladung gefolgt waren.

Einer in der Runde, der nicht namentlich genannt werden möchte, streute Sand ins Getriebe: „Selbst dort, wo das Angebot bereits gut ist, wird es wenig angenommen“, blickte er beispielhaft auf die stündliche Verbindung von Ruhpolding oder auch von Waging nach Traunstein. Alle Behörden und Ämter in Traunstein seien fußläufig vom Bahnhof zu erreichen, „es gibt keinen Grund für eine Autofahrt“. Und Ökologie scheine für sehr viele kein Thema zu sein, von einer Verkehrswende sei man weit entfernt.

Es gebe „null Werbung“, vermutete Achim Kraus als eine Ursache. „Total abgehängt“ fühlt sich die Trostbergerin Marianne Penn. Die Kreisrätin wäre schon für einen Zwei-Stunden-Takt dankbar. In der „Psychologie“ und der Bequemlichkeit des Menschen vermutet Marlies Neuhierl-Huber einen Grund für die geringe Akzeptanz, ja, viele würden es wohl als „sozialen Abstieg“ empfinden, auf die Bahn zu wechseln. Zudem habe man doch in der Vergangenheit Städte und Dörfer autogerecht ausgebaut. Neubaugebiete entstünden oft außerhalb der Städte nach dem Konzept „Es hat eh jeder ein Auto“, meinte Hohlweger. Hager beklagte, dass die tatsächlichen Kosten für ein Auto nie fair gerechnet würden, denn das sei ja sowieso da.

Eine Schwachstelle im ÖPNV erkennt MdL Büchler darin, dass er stets nur ein Teilstück abdecke, stattdessen sollte es eine durchgehende „Reisekette“ von A nach B geben. Ziel sei daher ein Mobilitätsverbund, der Carsharing ebenso beinhalte wie Leihräder. In den Städten verändere sich längst die „Nutzerbereitschaft“, weiß Büchler, der als begeisterter Radfahrer nie ein Auto besaß.

„Es ist krass, wie das Auto in den Köpfen verankert ist“, beobachtet MdL Sengl, Eltern chauffierten ihre Kinder zur Schule, obwohl ein Bus verkehre. Täglich im Stau zu stehen, würde wie selbstverständlich akzeptiert, wundert sich Burgi Mörtl-Körner. „Es kommt eine neue Zeit“, bleibt Michael Hüller überzeugt, der Weltklimarat habe das Ziel vorgegeben: „45 Prozent weniger CO2 bis zum Jahr 2030.“ Der Mediziner sprach sich für einen Antrag seiner Fraktion aus, der Kreistag möge eine jährliche Reduktion des Autoverkehrs um fünf Prozent beschließen. Und dazu einen Mobilitätsmanager einstellen. Hüllers Schlusssatz „wir werden von einem Autoverkäufer regiert“, bezog sich zunächst auf Landrat Sigi Walch, eine Ausdehnung auf zuständige Minister fiel ihm aber nicht schwer: „Sie bauen ständig Straßen und Autobahnen, unsere Zugstrecken aber sind wie vor hundert Jahren.“  Hannes Höfer

(26. November 2018)

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