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Nachruf Ruth Rehmann

„Sie hat das Wesentliche gesucht“

Berührende Trauerfeier für die Schriftstellerin Ruth Rehmannn

„Mein Schreiben war immer darauf gerichtet, Kompliziertes einfach zu machen, durchsichtig, klar, überschaubar, mitteilbar. Keine literarischen Experimente!“ Das schrieb Ruth Rehmann in ihrem 1993 erschienenen Buch „Unterwegs in fremden Träumen“. Dasselbe galt gestern bei der Trauerfeier für die Schriftstellerin in der evangelischen Christuskirche in Trostberg. Diese war sehr persönlich und in der schlichten, unpathetischen Schönheit der Lieder und Texte berührend. Statt getragener Worte ein Abschied mit bunten Erinnerungen, mit Dankbarkeit und einem Lächeln.

Denn Ruth Rehmann, die am 29. Januar im Alter von 93 Jahren im Kreise ihren Lieben in Trostberg starb, war selbst dem Tod mit Munterkeit begegnet. In ihrem letzten Telefongespräch mit ihrem Sohn Jan sagte sie: „Ich werde wohl bald sterben. Ich habe keine Ahnung, wie das geht, denn ich habe das ja noch nie gemacht.“ In einen Umschlag, den sie mit „Texte zum Gehen und zum Sterben“ beschriftet hat, hatte Ruth Rehmann auch ein Gedicht von Gertrud Kolmar gesteckt, mit den Zeilen: „Wenn ich sterbe, will ich einmal rasten, mein Gesicht nach innen drehn, und es schließen wie den Bilderkasten, wenn das Kind zu viel gesehen.“

Die Familie, Freunde und Weggefährten öffneten den Bilderkasten von Ruth Rehmanns erfülltem Leben noch einmal. Mit einem Gedicht der Enkelin. Mit einem Brief. Mit Musik. Ruth Rehmann hatte Musik mit dem Hauptfach Geige studiert und mit der Konzertreife abgeschlossen. Nach einem Konzert, mit dem sie selbst unzufrieden war, hatte sie den Gedanken, Musikerin zu werden, aber aufgegeben, erzählte Pfarrer Josef Höglauer. Er hat Ruth Rehmann bei ihren sonntäglichen Kirchenbesuchen und gemeinsamen Spaziergängen kennengelernt. Das Gehen war bis zum Schluss neben dem Schreiben ihre große Leidenschaft.

„So gehe ich meinen Weg vor dem Herrn – im Land der Lebenden.“ Diesen Psalm zog Höglauer heran, um Ruth Rehmanns Lebensweg zu beschreiben. Selbstbewusst, rebellisch, kritisch, politisch engagiert, aber auch voll Vertrauen und voller Liebe für ihre Kinder und Enkelkinder – so sei sie ihren Weg gegangen. In einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich war, dass Mädchen eine höhere Schule besuchten, ist Ruth Rehmann selbst zur Schule nach Bonn gefahren, um sich anzumelden. Nach dem Abitur und dem Besuch einer Dolmetscherschule begann sie Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik zu studieren, später Musik. Während des Krieges musste sie aus Berlin fliehen. Ruth Rehmann, die gebürtige Rheinländerin (geboren am 1. Juni 1922 in Siegburg), kam nach Altenmarkt.

„In Massing, beim Roiter, hat sie eine Heimat gefunden“, sagte Pfarrer Höglauer. Mit den Romanen „Die Schwaigerin“ und „Die Leute im Tal“ hat sie ihrer Heimat ein Denkmal gesetzt. Aber auch auf vielen Reisen – sie trampte unter anderem 1950 nach Algerien – sammelte sie Impulse für ihr literarisches Wirken. Ihr Vater, ein evangelischer Pastor, um den sich die kritischen Fragen in dem Buch „Der Mann auf der Kanzel“ drehen, hatte ihr mitgegeben, nach Großem zu streben, statt sich mit Äußerlichkeiten aufzuhalten. Bereits ihr erstes Buch, „Illusionen“, durfte sie beim Schriftstellertreffen der „Gruppe 47“ vorstellen. Später sollte sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet werden, unter anderem mit dem Oberbayerischen Kulturpreis und mit der Bürgermedaille in Silber der Stadt Trostberg.

„Ruth Rehmann hätte sich nicht mit Äußerlichkeiten aufgehalten. Sie hat das Wesentliche gesucht“, sagte Pfarrer Höglauer. Sie schloss sich der Anti-Atomwaffen-Bewegung und der Friedensbewegung der 80er Jahre an. Sie trat den Grünen bei und setzte sich ein gegen Atomenergie. Auch auf lokaler Ebene war die Schriftstellerin mit Leidenschaft bei der Sache, als die Bürgerentscheide gegen den Bau eines Ersatzbrennstoffkraftwerks und gegen die Fällung der Platanen in Trostberg erkämpft wurden. Rehmanns Sohn Jan erinnerte sich auch an viele Streitgespräche seiner Mutter mit einem Freund, in denen sie mit Verve gegen die Darwinsche Evolutionstheorie zu Felde zog. „Wenn du etwas als richtig erachtet hast, war das ein Wahrheitsereignis, dem du die Treue gehalten hast“, schrieb der Sohn in einem Abschiedsbrief an seine Mutter.

Schreiben sortiert das Denken und Fühlen

In diesem Brief ging er nicht auf den Inhalt ihrer Werke ein, sondern auf den Vorgang des Schreibens, der eine Konstante im Leben der Frau darstellte, die größtenteils alleine drei Kinder durchbringen musste. In Momenten der größten existenziellen Not wurde schnell ein Hörspiel geschrieben, um die Rechnungen begleichen zu können. Die disziplinierte tägliche Arbeit aber galt den Romanen und Erzählungen. „Das Schreiben hat dich kohärent gemacht. Damit hast du deine Gefühle und Gedanken gebündelt und in eine Abfolge gebracht“, schreibt der Sohn. Und so verdeutlichte er auch, in welche Verzweiflung das Nachlassen der Sehkraft die Mutter in den letzten Jahren stürzte. „Du konntest deine eigenen Zeilen nicht mehr lesen. Deine Gefühle und Gedanken flossen nicht mehr zu einer Einheit zusammen.“

Doch das Gehen hat sich die Schriftstellerin bis zum Schluss erhalten. Gehen sei Schreiben mit den Füßen, hat sie gesagt. Und in ihrem Umschlag vom „Gehen und Sterben“ fand sich ein Spruch aus Tibet: „Gehen hat heilige Aspekte: Gelassenheit tritt zu Tage, Geduld macht sich breit, Gehen ist zu sich selber finden, Gehen ist erkennen, was wirklich wichtig ist, Gehen lässt falschen Ehrgeiz hinter sich, aber auch Enttäuschungen und Kränkungen. Gehen ist eine poetische Haltung, die die Welt von ihren Übeln heilen kann.“

Und so traf man Ruth Rehmann oft auf ihren täglichen Spaziergängen an der Alz. Federnden Schrittes. Mit einem bunten Barett auf dem weißen Haar. Und mit einem Lächeln. Denn trotz des bitteren, großen Verlustes, der am Ende die Blindheit für die Schriftstellerin bedeutete, behielt sie sich ihre Heiterkeit und Leichtigkeit. „Ein Foto, schwarz-weiß, doch in Wirklichkeit ist es bunt“, findet die Enkelin, die auf ein Bild ihrer Großmutter blickt.

Die Trauerfeier endete nach Liedern des Kirchenchors und einem gefühlvollen Gitarrenstück von Martin Steinack mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“ und mit dem hellen, lieblichen Chanson „La Mer“, den Elke Hintermaier auf der Geige vortrug. Beigesetzt wurde Ruth Rehmann auf dem Waldfriedhof in Altenmarkt. Lucia Frei

(14. Februar 2016)

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