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Der ehemaliger Further Bürgermeister Gewies zu Gast beim Waginger Grünen-Ortsverband.

Der frühere Bürgermeister der Gemeinde Furth bei Landshut, Dieter Gewies (links), bekam nach seinem spannenden Vortrag als Dank einige Flaschlbrote der Ökomodellregion überreicht, von links stehend Gisela Sengl und Inge Kämpfl, sitzend Hedwig Witzleben und Alexander Reinmiedl. Foto: Eder

Warum Energie in Verbrecherstaaten einkaufen?

Bürgermeister a.D. Dieter Gewies berichtete über die Energiewende in seiner Gemeinde Furth

Waging am See. „Unglaublich, was die Sonne schon für eine Kraft hat und wie man den Pflanzen beim Wachsen beinahe zuschauen kann“: Mit dieser Hymne an den Frühling und die regenerativen Energien eröffnete die Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl den ersten Teil des „Waginger Energiefrühlings“ mit Besichtigung des Blockheizkraftwerks in der Schule und einem Gesprächsabend mit dem Energiepionier Dieter Gewies aus Furth bei Landshut. Die Abgeordnete aus Sondermoning ist Schirmherrin dieser Veranstaltungsreihe des Grünen-Ortsverbandes Waginger See, und sie betonte, dass die Energie stets ein Kernthema der politischen Arbeit sein müsse, das letztlich das Überleben auf dem Planeten sichere.

Diese Überzeugung war wohl auch Bürgermeister a. D. Dieter Gewies innewohnend, als er 1996 ganz überraschend als Grüner zum Bürgermeister der 3500-Einwohner-Gemeinde Furth gewählt worden war – und das bei vier Gegenkandidaten. Er hat in seiner 18-jährigen Amtszeit eine beeindruckende Energiewende geschafft: Wärme und Strom werden zu einem sehr hohen Prozentsatz vor Ort aus erneuerbaren Energien gewonnen. Darüber erzählte der 70-Jährige, der zum Ehrenbürger seiner Gemeinde ernannt worden ist und von seinen Wegbegleitern als „sanft im Umgang mit jedermann und persönlich äußerst bescheiden“ beschrieben wird – allerdings auch „auf seine Art höchst durchsetzungsstark“.

In dieser bescheidenen Art, nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellend, präsentierte er sich auch bei der gut besuchten Veranstaltung im Gasthaus „Unterwirt“ in Waging, wo er einige der markanten Richtungsänderungen aufzeigte, die aus Furth eine Gemeinde haben werden lassen, die weit über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit erregt hat. Eine möglichst „kompromissarme“ Politik wollte er machen, sagte Gewies, und das begann in Furth mit zunächst ganz kleinen Mosaiksteinchen. Hauptschwerpunkt aber war ihm, der dazu schon im privaten Bereich viel experimentiert und entwickelt hatte, die Energie.

Die Stichworte, die er in Waging anschnitt, betrafen die Errichtung eines kleinen Fernwärmenetzes und weiterer, stets übersichtlicher Verbundlösungen für Wärme- und Stromgewinnung. „Wärme und Energie muss zusammengehen“: Das war schon immer ein Credo von Gewies. Und bereits zu Zeiten, da Hackschnitzel noch mehr oder weniger als Abfall galten, setzte man in Furth auf diesen Energieträger. Biogasanlagen, stets einschließlich der Nutzung der entstehenden Abwärme und „gefüttert“ schwerpunktmäßig mit Gülle und dem Grasschnitt von öffentlichen Flächen, Holzvergasung, Bau von Nullenergiehäusern, Photovoltaik, wo immer möglich – das und manch anderes mehr trieb Gewies voran und schaffte es nach und nach auch ohne „Hausmacht“ im Gremium, dass der Gemeinderat dies parteiübergreifend zu seinem eigenen Ziel machte. PV-Anlagen sollten nach seiner Überzeugung noch deutlich stärker gebaut werden, etwa auch an Fassaden; seine Zukunftsvorstellung: „Die E.On ist nur noch als Netzbetreiber tätig, die Energieversorgung liegt in Bürgerhand.“

Dabei stand im Hintergrund natürlich der Umweltschutzgedanke, aber auch die wirtschaftlichen Vorteile einer Energieerzeugung vor Ort gaben dafür den Ausschlag. „Warum“, so die rhetorische Frage von Gewies, „sollte man die Energie in Verbrecherstaaten einkaufen?“

Die ungewöhnlichen Wege des aus der Oberpfalz stammenden und in München aufgewachsenen niederbayerischen Bürgermeisters beschränkten sich nicht auf den Energiesektor. Ein Ortszentrum mit acht Läden wurde gebaut, „von Investoren, die so gebaut haben, wie wir wollten“, wie Gewies betonte; den Unkenrufen von Skeptikern zum Trotz erfreuen sich die Läden guter Akzeptanz. Es muss nicht immer alles neu gebaut worden, so eine weitere Einsicht von Gewies; dabei wurde in Furth aber stets darauf geachtet, dass bei der Renovierung alter Bausubstanz alles auf einen „Superstand“ gebracht wird und zudem optisch etwas hermacht – wie etwa beim Gymnasium am Ort. Bei den Baumaßnahmen wurde sorgfältig ausgeschrieben, um die Unternehmen der Region beteiligen zu können – „damit man die Firmen nicht aus dem Kaukasus oder auch aus Leipzig holen muss, wenn was kaputt geht“. Der Verkehr wurde im gesamten Ort auf 30 km/h beschränkt. Die Randstreifen entlang von Bächen wurden gesichert, und die Ausweisung von Bauland auf maximal fünf Grundstücke im Jahr beschränkt – trotz großer gemeindeeigener Flächen.

All diese Maßnahmen – vor allem aber im Energiebereich und bei der behutsamen Gewerbeausweisung – zahlten sich letztlich auch durch zunehmende Gewerbesteuer aus, und das, wie Ex-Bürgermeister Gewies betonte, obwohl kaum Gewerbe von außen zugelassen wurde. Eine Maßnahme der Gemeinde bestand auch darin, eher Misch- statt Gewerbegebiete auszuweisen: Denn, „wer einen Firmensitz eröffnet, sollte auch hier wohnen“, findet Gewies.

In der regen Gesprächsrunde, die sich an den Vortrag anschloss, gab Gewies noch den guten Rat, nicht – wie in Waging für das Jahr 2020 geschehen – Energieziele nicht auf einen Zeitpunkt in ferner Zukunft festzulegen: „Sonst passiert jahrelang gar nichts!“ Der Waginger Gemeinderat Georg Huber, der in Waging einer der Antreiber in Sachen Energie ist, nannte die Entwicklung in Furth „faszinierend“ und fügte mit einem Stoßseufzer an: „Da sieht man, wie gut es funktionieren könnte, wenn vorn einer steht, der anschiebt.“ Auch der frühere Waginger Bürgermeister-Stellvertreter Hans Kern war beeindruckt: „Wie es dort gelungen ist, den Gemeinderat im Sinn der Sache zu einen, ist ganz erstaunlich.“ In den allermeisten Gemeinderäten, so Kerns Eindruck, „herrscht eine ganz andere Situation“. Und auch Traudi Kraus, die Sprecherin des Grünen-Ortsverbandes Chiemsee-Ost, hätte gern das enorme Wissen von Dieter Gewies „angezapft“: Ob er nicht ein Lehrbuch schreiben wolle, fragte sie halb im Scherz an. Nein, das werde er nicht tun, war die Anwort: „Jeder muss sich seine Energie selbst machen.“ Für seine interessanten Ausführungen bekam Gewies zum Schluss noch ein paar Flaschen der Backmischung der Ökomodellregion überreicht. Hans Eder

(21. April 2016)

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