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Für seine Rede erntete Habeck, der Bundesvorsitzende der Grünen, begeisterten Beifall der rund 450 Besucher.

Für seine Rede erntete Habeck, der Bundesvorsitzende der Grünen, begeisterten Beifall der rund 450 Besucher. Links im Bild Gisela Sengl, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. Foto: Hans Eder

„Fühlen uns wie eine kleine Volkspartei“

Super Stimmung beim „Grünen Sonntag“ in Waging am See

Es war ein bisschen wie ein großes Klassentreffen. Am „Grünen Sonntag“ trafen sich im Zirkuszelt am Kurpark so ziemlich alle, die sich in den vergangenen knapp 40 Jahren in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land in den grünen Kreis- und Ortsverbänden vorne dran engagiert hatten.

Ein Besucher brachte es treffend auf den Punkt: „Ich hab’ heut schon unglaublich viele Leute gesehen, die ich schon ganz lange nicht mehr gesehen habe.“ Und viele von denen hätten sich nicht vorstellen können, sich einmal in einem so großen Rahmen zu treffen: Rund 450 Besucher erlebten in Waging einen geradezu euphorischen Abend, dessen Krönung eine fulminante Rede des Bundesvorsitzenden Robert Habeck war.

Die Idee von Verantwortlichen der beiden Kreisverbände, vor der offiziellen Wahlveranstaltung zwei Stunden lang Raum zu geben für persönliche Unterhaltungen, wurde von den Besuchern sehr begrüßt und bestens genutzt. So war endlich mal ausreichend Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Was ebenfalls ungewöhnlich war und gut genutzt wurde: Die Kandidaten mischten sich unters Volk und standen in lockerer Atmosphäre Rede und Antwort zu einer Vielzahl von Themen. So war sich Robert Habeck nicht zu schade, einer interessierten Dame Tipps darüber zu geben, wo sich in seinem Heimatland Schleswig-Holstein am besten leben lässt.

Von der guten Stimmung in Bayern, nicht zuletzt angeschoben von den hervorragenden Umfragewerten, ließ sich sogar Besuch von weit weg anziehen. Die Vorsitzende des Grünen-Landesverbands Sachsen-Anhalt war von Magdeburg zum „Grünen Sonntag“ nach Waging gereist: Britta Garbentraf dort ihre bayerischen Kollegen, die Landesvorsitzenden Eike Hallitzky und Sigi Hagl, die ebenfalls zu diesem Grünen-Event nach Waging gekommen waren. Und warum gerade in Waging – diese Frage wurde mehrfach geklärt: Weil hier der Sepp Daxenberger zu Hause war. Der Geist vom Sepp schwebte immer irgendwie über der Veranstaltung, sein Name wurde in den Gesprächen und in den Reden der Kandidaten vielfach beschworen – oft in der etwas wehmütigen Ausformulierung: „Das wenn der Sepp noch erlebt hätte!“ Auch Sohn Felix, inzwischen Dritter Bürgermeister in Waging, und Schwester Resi Leitenbacher waren bei dem Treffen anwesend.

Und wie schon vor ein paar Wochen in Traunreut ließen sich die Grünen auch in Waging von Blasmusik verwöhnen. Die Musikanten der Gruppe Kellerblech aus dem Rupertiwinkel untermalten den ersten Teil des Abendsmit der für sie typischen böhmisch-mährischen Blasmusik, und zwischen den Reden der Kandidaten unterhielt Tobias Regner die Besucher mit einigen Liedern.

Für einen regionaltypischen Gag sorgte Bernhard Zimmer, der Direktkandidat im Stimmkreis Berchtesgadener Land, zu dem Waging ja dazugehört: Er überreichte dem Bundesvorsitzenden Habeck ein „Fuikl“, wie die Berchtesgadener Bauern den Schmuck ihrer Kühe beim Almabtrieb nennen – und äußerte dazu die Hoffnung, dass die Grünen dieses Fuikl am Wahlabend präsentieren können: Denn diesen Schmuck gibt es für die Kühe nur, wenn der Almsommer unfallfrei verlaufen ist. Und darauf hoffen die Grünen auch für den restlichen Wahlkampf. 

In ihren kurzen Vorstellungen nutzten Zimmer und die Traunsteiner Direktkandidatin Gisela Sengl die Gelegenheit, sich bei all denen „von der Basis“ zu bedanken, die an der Organisation dieser großen Veranstaltung im Zelt mitgearbeitet hatten. Die bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann und Katharina Schulze zeigten sich unisono beeindruckt von der Menge der Besucher und der guten Stimmung im Zelt. „Es liegt was in der Luft“, meinte „Katha“ Schulze in Hinblick auf die Wahl: „Die Menschen haben keine Lust mehr auf Hass und Hetze, sondern auf eine Politik, die Mut gibt, statt Angst zu machen.“ Es dürfe nicht mehr so weitergehen, dass die Parteien nur noch um sich selbst kreisen. In emotionalen Worten hob Schulze die Bedeutung von Zivilcourage hervor; es dürfe nicht sein, dass in diesem Land Menschen Angst haben müssen, durch die Straßen gejagt zu werden. Sie hoffe, dass vom bevorstehenden Wahlergebnis die Botschaft ausgehe, „das man Wahlen gewinnen kann, auch wenn man nicht auf der rechten Welle surft“. 

„CSU ist Teil des Problems“

Höhepunkt des Abends war die einstündige Rede von Robert Habeck. Prägnant fasste er zusammen, dass seiner Ansicht nach die Politik die Verpflichtung habe, „die Dinge für die Menschen zu regeln: Eine Politik, die glaubt, dass sie am stärksten ist, wenn sie nichts macht, ist keine Politik“, rief er den Besuchern zu und nannte Beispiele wie die Dieselaffäre, die Steuerverschonung vieler Großkonzerne und die Landwirtschaft. Unter diesen Umständen müssten die Grünen eine wichtige neue Rolle übernehmen. Sie müssten heraus aus ihrem Nischendasein als „Protest- oder Projektpartei“ und mehr „staatstragend“ agieren in einer Zeit, „in der die CSU Teil des Problems geworden ist“. 

Denn der große Zuspruch, den die Grünen derzeit erfahren, sei auch „eine Verpflichtung für uns“. Etwas gegen den Klimawandel zu tun, diese Aufgabe müsse endlich ernst genommen werden. Denn mit dem veränderten Klima würden mehr und mehr Landstriche unfruchtbar. Den Menschen in diesen Gebieten bleibe nichts übrig, als woanders hinzugehen. So werde sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes ergeben, wenn nicht schnellstens damit begonnen werde, den betroffenen Ländern nachhaltig zu helfen. Denn, so Habeck, Ziel der Politik müsse es in der aktuellen Situation sein, „möglichst vielen Menschen ein Leben in einer einigermaßen intakten Natur zu ermöglichen – an Orten, von denen sie nicht mehr vertrieben werden.“ Irgendwie habe er das Gefühl, dass die Grünen genau für dieses Ziel gegründet worden seien. 

Zu Beginn seiner Ausführungen hatte auch Habeck sich beeindruckt von der Atmosphäre im Zelt gezeigt: „Ich danke von Herzen“, sagte er, „dass ich erleben darf, was in diesen Tagen und Wochen in Bayern geschieht.“ Bei der tollen Stimmung mit den vielen Menschen „fühlen wir uns wie eine kleine Volkspartei“. Und Waging sei für die Grünen ein besonderer Ort, nahm auch er Bezug zu Sepp Daxenberger: „Was damals hier entstanden ist, ist das, was wir heute hier erleben.“ Hans Eder

(9. Oktober 2018)

Thomas Hartmann bei seiner Rede am Grünen Sonntag in Waging.
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